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Dr. Marliese Dobberthien:

Alles Zufall oder Absicht ?

Dass ZW für die VS–Vererber nicht längst erfasst wurden, ist völlig unverständlich. Und das ausgerechnet in einem Land mit olympischen Siegern im Busch und einem respektablen Markt für VS-Pferde. Kann das alles mit der arroganten Bemerkung weggewischt werden, dafür sei kein Geld da? Den Schaden trägt nicht die FN, sondern Hengsthalter und Züchter.

Denn wenn es keinen HLP-ZW für VS-Vererber gibt, werden diese auch nicht/kaum nachgefragt. Konsequenterweise sei die Frage erlaubt: wenn ohnehin keine ZW für die VS erfasst werden, warum müssen die Hengste überhaupt noch durch HLP-Geländestrecken stiefeln ? Müsste doch eigentlich gestrichen werden. Das zeigt, wie absurd die Weigerung der FN ist, einen VS-ZW zu erfassen.

Zufall oder Absicht?

Was ich spätestens bei Umstellung der HLP mit der so bedeutsamen Einrechung des Zuchtwerts erwartet hätte, ist eine Evaluation. Oder zumindest ein Qualitätsmanagement. Nicht nur die Vorrechnerei einzelner weniger Fallbeispiele. Es muß die Frage nach der nach Effizienz gestellt werden.

Ob das seit Jahren entwickelte System der Zuchtwertschätzung tatsächlich einen Zuchtfortschritt bewirkt hat? Oder ist nur ein simples „more of the same“ entstanden? Und was soll das neue HLP-System bewirken, wenn Hengste bestimmter Disziplinen, Herkunft und Rassen gar keinen ZW entwickeln können? Erwartet hätte ich auch, dass - rasseübergreifend -Züchter und Hengsthalter befragt oder in geeigneter Form einbezogen worden wären. Ist aber nicht geschehen. Weder das eine oder andere.

Zufall oder Absicht ?

Kann ich als Züchter/in oder Hengsthalter/in die Entstehung des ZW überhaupt nachvollziehen? Habe ich die Chance, auch Fehler zu entdecken und sind diese korrigierbar? Was sagt ein ZW überhaupt aus, wenn er ohne VS-Veranlagung erstellt wurde? Warum kann ein Hengst mit individueller Spitzenleistung in seiner HLP, aber schlechten ZW seines Vaters niemals vorne landen ? Werden da nicht nur Unmengen an Daten gesammelt, die kaum noch durchschaubar sind ? Eine Art Black Box mit einen riesigen Datendschungel ?

Zufall oder Absicht ?

Wenn aber ein System nicht transparent, nicht verstehbar und nicht nachvollziebar ist, ggf. auch nicht neu justierbar ist, läuft es Gefahr, seine Legitimation zu verlieren.

Was fließt überhaupt in den ZW ein ? In meinem naiven Verständnis hatte ich immer geglaubt, es sei die Fähigkeit und Erbkraft eines Hengstes, seine guten Eigenschaften an Nachkommen weitergeben zu können.

Weit gefehlt! Es gibt Hengste, die keinen einzigen Nachkommen haben müssen und dennoch bereits die Spitze der ZW-Schätzung katapultiert sind. Nach alter HLP. Warum? Sie waren Körsieger und HLP-Sieger.

Nun wird der HLP-ZW in die HLP eingerechnet. Wie kommt sie zustande? Sie prüft im wesentlichen nur ab, wie hoch die Wahrscheinlichkeitt ist, dass ein Hengst wieder einen Hengst mit guter HLP hervorbringen kann. So wie in monarchistischen Zeiten nur der Erbprinz König werden konnte (auch wenn er nur über noch so mäßige Gaben verfügte) und kein noch so tüchtiger Bürgerlicher König werden durfte.

Ob ein Hengst Siegerfohlen auf Fohlenschauen stellt, ob und wie viele gekörte Söhne und Staatsprämienstuten er hervorgebracht hat, ob er beim Bundeschampionat gewonnen hat, wird nicht erfaßt. Selbst Turnierleistungen inkl. BuCha-Siege seiner Nachkommen fließen mit nur ca. 2 % in die Zuchtwertschätzung ein. Darum haben z.B. Starvererber Belissimo M oder Quaterback – gemessen an ihren gefeierten züchterischen Erfolgen – vergleichsweise magere Zuchtwerte. Trotz ihrer sehr guten Veranlagungstests (30-TT).

Ein solches System der Überbewertung der HLP bildet nur begrenzt die tatsächliche züchterische Bedeutung von Hengsten ab. Und taugt denn auch nur ebenso eingeschränkt zur Orientierung des Züchters bei der Hengstauswahl.

Nach heutiger HLP bekämen Söhne von Quidam de Revel oder Cor de la Bryere, auch wenn sie über Häuser sprängen, schlechte ZW, denn von ihren ausländischen Vätern sind keine HLP-ZWs verzeichnet.

Der HLP-Zuchtwert zeigt nichts anderes als die geschätzte Angabe der genetischen Veranlagung eines Hengstes, eine HLP abzulegen. Er enthält eine Auswertung der HLP-Ergebnisse sämtlicher männlicher Verwandten vom Vater über die Brüder und die Vettern und hat mit der züchterischen Bewährung eines Hengstes so gut wie nichts zu tun. Und noch kurioser: Die weiblichen Verwandten bleiben weitgehend außen vor.

Zufall oder Absicht ?

Wer heute larmoyant über „die Holländer“ jammert, die mit „deutschen Genen“ so viel erfolgreicher sind als wir, sollte nach den Ursachen fragen. Die Basis dort wurde vor mehr als 20 Jahren gelegt. Mit – nach unserem Geschmack - alles andere als edlen Reitpferdestuten. Eingekreuzt wurde als passend erachtetes Blut. Ohne Scheuklappen. Ein System strenger Selektion und kluger Zuchtwertschätzung hat zur stetigen Verbesserung der Zucht beigetragen. Heute mit Spitzenpferden internationalen Formats.

Wie konnte das gelingen, wurden doch in unserem Land lange Jahre „die Holländer“ belächelt? Bedeutsam für den Erfolg dürfte die in den Niederlanden praktizierte Form der linearen ZW-Schätzung sein. Sie ist mit der unsrigen nicht vergleichbar. Sie basiert nicht auf komplizierten Computerprogrammen und zieht auch nicht unzählige Einzelnoten zu einem Gesamtzuchtwert zusammen, sondern beschreibt und prüft individuell jeden Hengst. Mit ca. 30 Einzelnoten. Für Exterieur, Interieur, Gang etc. inkl. der Röntgenbefunde und der Bedeckungs- und Trächtigkeitzahlen. Denn jedes Merkmal hat eine unterschiedliche Erblichkeit.

Alle Noten werden veröffentlicht und sind im internet für jeden Züchter einsehbar. Der so den passenden Hengst für seine Stute viel leichter finden kann. Ferner bedeutsam sind Deckpausen nach wenigen Deckjahren, um die Qualität der Nachzucht empirisch beurteilen zu können. Nur wenn sie als gut genug befunden wird, gibt es ein endgültiges Körurteil. Eine überzeugende Art der ZW-Schätzung, ohne Datengrab und mit kluger Konzeption.

Denn Erfolge kann man in der Pferdezucht nicht sich hinrechnen. Schon gar nicht nach dem Erbprinz - Prinzip. Bei uns hingegen werden die Körnoten geheimgehalten; differenzierte Exterieurbeschreibungen fehlen; von Mängeln eines Hengstes erfährt man - wenn überhaupt - nur vom Hörensagen.

Wenn die FN von ihrem System der ZW-Schätzung nicht lassen will – trotz der gravierenden Mängel - sollten zumindest die HLP-Zuchtwerte nicht mehr in das HLP- Ergebnis eingerechnet werden. Es sollte erst mit wissenschaftlichen Methoden bewiesen werden, dass ein HLP-ZW auch wirklich dem Zuchtfortschritt dient.

Dr. Marliese Dobberthien

www.altmarkhof.com

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